: es steht alles , es fällt nichts – Charles Wilp

… Wer jemals eine Vollbremsung im Hirn oder Herz hatte, wird durch die Schwerelosigkeit das Erlebnis einer anderen Merkwelt, einer neuen Bewusstseinszone haben. Schwerelosigkeit ist die Triebfeder für alles Kreative, nicht nur in den Künsten. …
… Ich spreche eigentlich gar nicht mehr von Kunst. Statt »Kunst« verwende ich lieber das Wort ARTRO, das einfach gar nichts aussagt, sondern für eine neue Zeitrechnung steht – für die Zeit nach dem Jahr 2000; und deshalb gibt es
»before 2000« und »after 2000«. Kunst bedeutete schon für Goethe vor allem »Künstler«, er sprach über Theater, Tanz, Lyrik und Poesie, aber er vermied den Begriff »Kunst«. Im Weltraum hat die Kunst jedenfalls nichts zu suchen. Dem Kosmos ist nicht mit gekünstelten Dingen beizukommen. Das wäre so, wie wenn man ein »künstliches Gehirn« aus Marmor oder Gips baute: in Wahrheit ist das Gehirn selbst das Kunstwerk. …
… Meine Aufgabe war, im Leben nicht Werbung zu machen, sondern
Schwereloses darzustellen. Damals habe ich mich nie gefragt, ob Werbung Kunst ist. Ganz sicher war ich mir hingegen, dass Kunst immer auch Werbung ist. Joseph Beuys hat das auch immer gewusst, mit seinen siebentausend Eichen: das war zunächst die Projektion einer Idee, die momentane Eingabe eines infernalischen oder eines göttlichen Gedankens, Beuys war bereit, das zu realisieren und das war der grosse Werber in ihm – für sich und für die Kunst …

es steht alles, es fällt nichts – Charles Wilp
Notizen zur Milleniumsschau
7 hügel . Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts
III) weltraum, Martin-Gropius-Bau, Berlin 2000



In der Berliner Milleniums Ausstellung 7hügel führte Charles Wilp die Besucher durch den rotierenden Tunnel im Raum Deep Space , liess sie in diesem Sehnsuchtsort für einen kurzen Moment mit Spacy Lucy in der
Schwerelosigkeit tanzen; kleinere irdische Schummrigkeiten wurden sofort von Dr. Dot sanft entspannt. In dieser letzten zu seinen Lebzeiten gestalteten Installation hatte sich Charles Wilp ganz bewusst auf das Unterbewusste eingelassen, und damit auch die Hoffnung ausdrücken wollen, das sich darüber der Zusammenhang zwischen seiner Arbeit für die Werbung und der Idee der Schwerelosigkeit erschliessen wird.

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Eine vage Hoffnung, die jeden Kreativen auf seinen kosmischen Pilgerrouten vorantreibt; eine hoffnungsvolle Kraft des kollektiven Unterbewussten, die Charles Wilp gerade in den späten Werken seiner SpaceArt differenziert hat, und deren virtuose Komplexität noch auf – auch unterbewusste – Entdeckungen wartet. Es darf als ein besonders transformatives Ereignis gesehen werden, dass diese subtilen Entdeckungsreisen im visionären Lebenswerk Wilps acht Jahre nach seinem Tod einen in jedem Fall lohnenden Anfang nehmen können : die Ausstellung SpaceArt von Charles Wilp – die Sammlung Heydt zeigt erstmals ein werkimmanentes Substrat der SpaceArt Schaffensphase. In wenigen Tagen werden wir durch den Todestag seines Freundes und kreativen Weggefährten Joseph Beuys an ihre spirituelle Verbundenheit erinnert, die allein mit secco-rezitativen Kabinettsausstellungen, tonartlich monochromen Deutungen – aus der Sprachnähe eines manipulativen Kunstmarktes entlehnt, nicht zu entschlüsseln sein wird.

In beiden utopischen Entwürfen der kreativen Freiheit, bei Joseph Beuys die ‘soziale Plastik’ und bei Charles Wilp die ‘Schwerelosigkeit’, wabert die Provokation des Unbewussten, auch verdrängten (verteufelten) Lust- und Triebsphäre des Einzelnen/ der Gemeinschaft. Mit Rezeptionen von ‘embedded art’ in
retrospektiven Werkschauen oder musealen Inszenierungen werden sich die energetischen Verbindungen von filzigen Honigpumpen und engelsspermigen SpaceArien nicht erschliessen lassen. Solcherlei aufmerksamkeitshaschende Gestik kur- und kunstpfuschender Eventmakler haben Beuys und Wilp zu Lebzeiten stets abgelehnt.
recitativo accompagnato , das Begleitete, von den Emotionen begleitete Annähern an die konstellierten Werkkräfte von Joseph Beuys und Charles Wilp wäre eine Möglichkeit; die gelegentliche Kontaktaufnahme darf gern mit einem Schmunzeln gewürdigt werden.
Uwe J. Haack | magacine

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7 hügel
Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts

   III ) weltraum
SONNEN, MONDE, GALAXIEN:
AUFBRUCH INS UNBEKANNTE


   14. Mai - 29. Oktober 2000
.: Martin-Gropius-Bau Berlin


|| credits
1  [Martin-Gropius-Bau, Center Court, View from West Entrance]
    © 2000 Ken Adams | Collage w SPACY LUCY by Charles Wilp
    crosz culture foundation / crosxcanal © 2000X

2  [WXLP WILP SEVEN HILLS BERLIN 2000]
    © 2000 Charles Wilp
    VIRAGE PRESS © 2000X

X  [7 hügel___Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts]
    Katalog mit 7 Bänden
    Henschel, Berliner Festspiele 2000
    Hrsg. Bodo-Michael Baumunk und Ralf Bülow

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tags : artro wilp exhibition magacine